April-Jagd, nicht jedermanns Sache

Jahrzehntelang waren die Jäger daran gewöhnt: die Jagd auf den Rehbock beginnt im Wonnemonat Mai. Zunächst noch am 16., später dann am 1. Mai. Wobei der 1. Tag im Mai noch den Charme hat, immer Feiertag zu sein, egal auf welchen Wochentag das Datum fällt. Somit gilt er nicht nur als Tag der Arbeit, sondern ist als Auftakt des neuen Jagdjahres auch eine Art Feiertag für die grüne Zunft geworden. 

Bevor die Vegetation die Jalousien herunterlässt, ist der Knopfbock noch zur Beute geworden.

Rehwild, „Schmalis“ von Rot- und Damwild schon im April?

Aber nichts in der Natur und im menschlichen Leben ist von Dauer. Jetzt ist in einigen Bundesländern die Freigabe nicht nur fürs Rehjagern bereits auf Anfang oder Mitte April terminiert. Brandenburg, Hessen, Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern ziehen nicht nur die Rehwildjagd vor, sondern formen das gleich zu einem Gesamtangebot mit Schmaltieren und -spießern von Rot- und Damwild. Begründet wird das mit überhöhten Wildbeständen und den „enormen Schäden“, die unser wiederkäuendes Schalenwild im Wald anrichtet… Unter Jägern wird heftig diskutiert, ob diese Vorverlegung und damit gleichzeitig Ausdehnung der Jagdzeit wirklich notwendig ist?

Ausgang des Winters konzentriert sich Rotwild auf attraktiven Äsungsflächen. Hier sollte keinesfalls ein Schuss auf Schmaltier oder -spießer fallen.

Eine Freigabe bedeutet keinen Vollzugzwang

Die meisten Jäger stehen dem frühen Jagdauftakt im April äußerst kritisch gegenüber und bekunden, den April noch nicht zum Jagen nutzen zu wollen. Aber es gibt auch Waidmänner und -frauen, die diese neue Regelung als einen Vorteil für ihre Jagdausübung bezeichnen. Die vorgebrachten Argumente beider Parteien haben etwas für sich. Es zeigt sich, dass nicht die Regelung an sich ein Problem darstellt, sondern die Auslegung in der Praxis. Eine eingeräumte Jagdzeit ist ein Rahmen für die Jagdausübung, aber kein Muss. Wem der April also zu früh ist, kann unbeschwert bis zum Mai warten, es bleibt dann immer noch reichlich Jagdzeit. Entscheidend ist unterm Strich, ob der Abschussplan am Ende des Jagdjahres erfüllt worden ist.

Es ist nicht nur eine Frage des Alters, wann die Böcke verfegen.

Was spricht für die Jagd im April?

Was trennt die beiden Parteien? Dazu einige Argumente. Die Befürworter eines Jagdbeginns im April führen unter anderem folgende Gründe ins Feld:

  • Die Rehe (und auch anderes Schalenwild) sind nach dem Winter gierig auf frisches Grün. Im Wald wie im Feld. Das heißt, sie sind aktiv und recht präsent = jagdbar.
  • Die Sichtbarkeit ist ein weiteres Argument. Laubdichte und Unterwuchs im Wald machen die Waldkulisse sehr bald dicht, so dass sich das Wild bestens verstecken kann ohne zu hungern.
  • Im Feld befinden sich die Kulturen noch in einem übersichtlichen Stadium. Vor allem im Raps taucht das Wild in kürzester Zeit ab. Speziell die jüngeren Stücke weichen gern in diese gelben Zonen aus.
  • Die Rehböcke stecken aktiv die Grenzen ihrer Hoheitsgebiete ab. Sie fegen, plätzen und bringen Rivalen auf Trab. Damit herrscht ständig Bewegung in den Territorien.
  • Hochbeschlagene Geißen lassen sich im April sehr deutlich von Schmalrehen unterscheiden.
  • Die hohe Aktivität führt zu vielen Verlusten auf der Straße, denen vorgegriffen werden kann.
Grüne Hölle: Wenn es erstmal so zugewachsen ist, dann hat der Jäger schlechte Karten.

Was spricht gegen die Jagd im April?

Die Kritiker des Apriljagerns führen vor allem folgende Bedenken ins Feld:

  • Nach dem Winter nutzt das Wild das frische Nahrungsangebot, um wieder Reserven aufzubauen. Ein jagdlicher Eingriff zu diesem Zeitpunkt behindert das erheblich.
  • Die Schonzeiten für das Wild werden immer kürzer.
  • Das Wild zieht noch bei Licht vertraut auf Weiden, Wiesen oder die frische Saat im Feld. Bekommt es dort schon im April jagdlichen Druck, flüchten sie in den Wald zurück und verbeißen oder schälen dort.
  • Sämtliches Kahlwild ist kurz vor dem Setzen, steht aber meistens mit dem Nachwuchs des Vorjahres und anderen Stücken zusammen. Ein Schuss stört nicht nur die Muttertiere, sondern die ganze Gemeinschaft, und die Zeugen werden zukünftig äußerst vorsichtig sein.
  • Stücke im Haarwechsel sind kein Pluspunkt bezüglich der Wildbrethygiene. 
  • Viele Trophäen sind noch nicht gefegt.
Das erste Grün macht das Wild sichtbar. Ein Schuss wird diesen Frieden zerstören.

Der Klimawandel lässt alles früher durchstarten

Aus der Aufstellung lässt sich gut ablesen, dass beide Seiten gute Gründe vorbringen können. Festzuhalten ist: Der Klimawandel sorgt dafür, dass im Schnitt die Naturprozesse 14 Tage früher anfangen als noch im vergangenen Jahrhundert. Die Veränderungen in der Landwirtschaft verschärfen vielerorts diese Entwicklung noch. Unterdessen ist es nicht ungewöhnlich, dass bereits Anfang Mai der Raps schon viele Tiere „verschwinden lässt“. Und Wälder mit starkem Unterwuchs verleihen ihren tierischen Bewohnern ebenfalls schon sehr früh im Jahr eine Tarnkappe, die dem Jäger kaum noch eine Chance einräumt. Verständlich, wenn ich solchen Revieren die Chance zum frühen Jagdauftakt genutzt wird. Dort, wo diese Erschwernisse nicht anstehen, kann der Abschussplan nach Lust und Laune angegangen werden. Und wem ist der gefegte Rehbock im roten Sommerkleid nicht lieber als ein haariges Bastexemplar?

Die Vegetation im Wald schießt schnell hoch, wenn genügend Licht einfällt.

Mal mit dem Jagdnachbarn sprechen

Gar nicht so selten hört man von Jägern als Argument gegen das frühe Jagen im April, man müsse das ja notgedrungen mitmachen, weil sonst der böse Nachbar bereits alles wegschieße. Vielleicht denkt der böse Nachbar ja genauso. Das wäre vielleicht eine gute Gelegenheit, mal zum Hörer zu greifen und zu fragen, welche Einstellung der Nachbar-Jäger eigentlich zu dem Thema hat. Unter Umständen sieht er es überraschenderweise ganz genauso, und man schließt einen „Grenzfrieden“ bis zum Mai. Und nicht ausgeschlossen, dass bei so einem unbegrenzten Gespräch noch mehr sinnige Überlegungen und Gemeinsamkeiten herauskommen.

Struppig, schmal, aber bereits mit beeindruckendem Kopfschmuck – wer mag ihn nicht leben lassen?

7 Antworten

  1. Da ich mit meinen 40 Jahren selbst Jäger bin und auch sehe wie sich die Jagd entwickelt, bin ich sogar dafür das die Bockjagd erst am 16.05. wieder aufgehen sollte.

    Es gibt kaum noch Rehwild bei uns, und das was noch da ist wird von so genannten Jägern ( Trophähengeile Nichtskönner) auch noch ohne Sinn und Verstand niedergeschossen.

    Sorry das ist meine ehrliche Meinung.

    <in diesem Sinne Waidmannsheil!

  2. Wer seine Böcke in sechs Monaten nicht bekommt, der kriegt sie auch nicht in sieben. Es bringt nur mehr Unruhe in das eigene und in das Nachbarrevier. Gönnt dem Wild etwas Ruhe! Der 1. Mai reicht völlig zum Start.

    1. Ich sehe das ein bisschen differenzierter: es gibt ja nicht nur „Böcke“, sondern junge/alte bzw. starke/schwache und in einem großen Revier auch stark besetzte und schwächer besetzte Bereiche. Wer in Sachsen zwischen 50ha großen Rapsschlägen jagt, hat so etwa ab jetzt (Ende April) echte Schwierigkeiten. Da fällt Hege schwer. Beim besten Willen. Und gute Vererber wegschiessen, um die Liste vollzubekommen ist sicher nicht Ziel einer verantwortlichen Revierentwicklung.

  3. Ich sehe die Meinung zur Bockjagd im April wie meine Vorreiter. Obwohl ich erst seit 5 Jahren meinen Jagdschein habe und selber noch ein Jungspund bin, sehe ich den Beginn der Bockjagd als ein weiteren Verlust der Jagdlichen Tradition an. Im Grunde genommen muss es ein Jedermann selbst Handhaben, jedoch ruht die Büchse für mich auf Böcke und anderes Schalenwild, mit ausnahme des Schwarzwildes, vor dem 1. Mai traditionell weiterhin.

    Waidmannsheil

    1. Man sollte sich überhaupt überlegen ob starke Böcke vor der Blattzeit gestreckt werden damit Sie Ihre Gene weitergeben können!!!

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