Blattzeit – alles in Bewegung

Der Kreislauf des Lebens in der Natur ist auf Überleben und Erhaltung der Art programmiert. Kaum sind beim Schalenwild Kälber, Kitze, Lämmer oder Frischlinge zur Welt gekommen, beginnen schon wieder die Vorbereitungen für die nächste Generation. Als erstes finden sich beim Rehwild die Böcke und Ricken zusammen und erleben eine heiße Brunft, denn ihre Hochzeit liegt in der wärmsten Zeit des Jahres – von Juli an bis Mitte August. Wobei, wie bei anderen Wildarten auch, in jüngster Zeit ein früherer Beginn festzustellen ist. Als Ursache wird der Klimawandel vermutet.

In der Blattzeit ist das brunftende Rehwild den ganzen Tag über in Bewegung.

Wann werden Ricken brunftig?

Dieses Jahr gibt es vermehrt Meldungen, dass bereits Ende Juni erste „Pärchen“ zu beobachten waren und es zum Treiben und sogar zum Deckakt gekommen ist. Die in der Literatur häufig vertretene Meinung, dass als erstes stets die Schmalrehe beschlagen werden, lässt sich nicht wirklich belegen. Eher im Gegenteil: Vor allem körperlich schwach entwickelte Schmalrehe werden erst im August brunftig oder sogar erst einen Monat später in der Nachbrunft. Ricken, die früh gesetzt haben, werden auch entsprechend früh brunftig. Nach wissenschaftlichen Untersuchungen des Rehwildforschers Ellenberg etwa 66 Tage nach dem Setzen. Insofern lohnt es sich, dort, wo frühe Kitze aufgefallen sind, auch rechtzeitig nach einem Beginn der Brunft Ausschau zu halten.

Im Schnitt etwa drei Tage stehen Ricke und Bock in der Paarungszeit zusammen.

Wenn Kitze allein herumziehen

Der Rehnachwuchs kann auch weitere Hinweise für den Jäger liefern. Bummeln Kitze ohne Führung arglos umher (sie sind ja das erste Mal in ihrem Leben auf sich allein gestellt), dann kann der Jäger sicher sein, dass die Mutter sich mit einem Bock auf Liebespfaden bewegt. Deshalb in der Nähe Ausschau halten. Das Liebesspiel dauert nur zwei bis drei Tage, dann kehrt die Ricke wieder zu ihren Sprösslingen zurück.

Wer in der Blattzeit ins „Eingemachte“ geht, muss sich gut tarnen.

Der Duft ist der entscheidende Anziehungspunkt

Entscheidender Faktor für das Einsetzen der Rehbrunft ist das Reifen der Follikel in den Eierstöcken des weiblichen Rehwildes. Das bewirkt eine verstärkte Durchblutung des Tragsacks und eine Schwellung des Feuchtblatts mit Schleimabsonderung. Diese Duftkombination lockt die Böcke über große Entfernung an. Beim Nässen werden diese Duftmarken ebenfalls gesetzt. Die Geruchsnote spielt eine wesentlich wichtigere Rolle als akustische Signale (Fiepen). Das Vorspiel, die sogenannte Vorbrunft, bedeutet kein Zieren des weiblichen Stücks, die Bewegung und Erhitzung fördert den Eisprung. Das Treiben wird immer kürzer, die Ricke bleibt stehen und der Bock kontrolliert nochmal direkt das Feuchtblatt, um dann aufzureiten. Der Paarungsakt wird mehrfach wiederholt, das kann bis zu 20 Mal sein.

Die Deckung verlassen, jetzt prüft der Bock erstmal den Wind.

Hexenringe: Wenn es wirklich rund geht

In der Endphase des Brunfttreibens werden die Kreise der Rehe immer kleiner. Manchmal so klein und mit soviel Ausdauer, das sogenannte Hexenringe entstehen. Wie bei einem stark benutzten Wechsel wird der Bodenbewuchs beim dauernden Kreisen und Verfolgen so niedergetreten, dass sie kaum noch zu übersehen sind. Da sich die Bevölkerung dieses Phänomen nicht erklären konnten, lag es nahe, dieser Erscheinung eine mystischen Deutung zu geben. Ähnlich wie bei Pilzen, die manchmal im Kreis wachsen und auch Hexenringe genannt werden. Die kreisförmige Ausbildungen werden im Volksglauben als Versammlungsort von Hexen interpretiert.

Hexenringe: Hier zeichnet sich ganz enger Kreisverkehr ab.

Die heimlichen Böcke hervorlocken

Vor allem für Jäger in deckungsreichen (Wald)Revieren bietet sich jetzt die Chance, die Rehe, vor allem die alten, heimliche Böcke, durch Blatten sichtbar zu machen. Das gelingt natürlich vorwiegend bei suchenden Böcken, denn wenn sie mit einer brunftigen Ricke zusammenstehen, zeigen sie nur selten eine Neigung zum „Fremdgehen“. Deshalb erhöhen sich zum Ende der Brunft in der ersten Augusthälfte die Aussichten des Lockjägers, da dann die meisten weiblichen Stücke schon beschlagen, die Rehböcke aber noch immer in Wallung sind. Für das Blatten gibt es die verschiedensten Instrumente auf dem Markt. Die wenigsten Ansprüche an die Bedienung stellt seit Jahrzehnten der bewährte Buttolo-Gummiball. Mit anderen Lockern lässt sich mehr variieren, aber dazu bedarf es einiger Übung. Auch hier ist es, wie immer bei der Jagd, am wichtigsten, zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort zu sein. Bei der hohen Aktivität in der Rehbrunft kann das den ganzen Tag über sein.

Blatten aus einem Erdsitz. Einen Bock aus der Deckung ins Freie zu locken, ist nicht ganz einfach.

­Ein starker Rickenüberhang behindert den Blatterfolg

Eine wichtige Voraussetzung für Erfolg bei der Blattjagd ist ein möglichst ausgeglichenes Geschlechterverhältnis. In vielen Revieren besteht ein erheblicher Überhang von weiblichem Wild. Und es ist nicht schwer nachzuvollziehen, dass ein Bock, der soviel Rehdamen um sich weiß, wenig Neigung zeigt, auf den Ruf einer weiteren Schönen zu reagieren. Und am Ende der Brunft sind die Böcke dann häufig so erschöpft, das verlockende Laute sie auch nicht mehr auf die Läufe bringt.

Suchender Bock im letzten Abendlicht.

Keimruhe für optimalen Setzzeitpunkt

Die Natur hat es bei den Rehen mal wieder genial eingerichtet. Die Brunft ist früh im Jahr vor allen anderen Schalenwildarten. Damit die Kitze in einer Zeit zur Welt kommen, in der ein attraktives Nahrungsangebot herrscht, tritt nach der Befruchtung eine Keimruhe ein. Die Eizelle nistet sich erst zum Winteranfang in die Gebärmutter ein und löst erst dann das Embryonalwachstum aus. Die Ricken können sogar bei schlechter Witterung die Tragzeit etwas verlängern, um einen besseren Zeitpunkt für das Setzen abzuwarten. Bei unserem heimischen Schalenwild ein einzigartiger Vorgang.

Mit einem erfahrenen Musikus und einem transportablen Schirm ist man zur Blattzeit gut aufgestellt.

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