Erntejagd: effizient, aber gefährlich

Maisjagd

Erntejagd ist eine äußerst effiziente Jagdmethode, aber auch eine der riskantesten und unfallträchtigsten. Aber mit sorgfältiger Planung, passender Ausrüstung und disziplinierten Schützen lassen sich Erntejagden sicher und erfolgreich durchführen. Wir sagen, worauf es ankommt.

Die Erntemaschine fräst eine schnurgerade Schneise in die reife Ackerfrucht. Mit jeder Reihe verkleinert sich das Deckung und Äsung im Überfluss bietende Meer aus Mais oder Getreide. Irgendwann, oft mit der allerletzten Bahn, werden die herannahenden Häcksler das Wild zwingen, den Schlag fluchtartig zu verlassen. Dann schlägt die Stunde der um das Feld herum abgestellten Jäger.

Erntejagd, also die Jagd während der Erntearbeiten, ist in Feldrevieren eine wichtige, ja unverzichtbare Jagdmethode. Gerade das massive Wildschäden verursachende, intelligente und anpassungsfähige Schwarzwild schafft es während der Vegetationsperiode oft nur allzu leicht, unbesehen und / oder unbeschossen in die landwirtschaftlichen Nutzflächen ein- und wieder auszuwechseln. Der Schaden durch Fraß- und Lagerstellen in den Schlägen kann existenzbedrohende Ausmaße für den Jäger annehmen, der sich im ungünstigsten Fall zum Wildschadensersatz in unbegrenzter Höhe vertraglich verpflichtet hat. Die Erntejagd bietet die ersehnte Chance, Strecke zu machen, die erforderliche Dezimierung der Schwarzwildpopulation voranzutreiben – und den aufgebrachten Landwirt mit einer Wildschweinkeule zu besänftigen.

Erntejagd Wildschwein
Die Erntejagd ist eine effiziente Jagdmethode, mit der sich Strecke machen lässt.

Die häufigsten und schwersten Fehler

Leider finden viele Erntejagden immer noch so statt, als würden die Veranstalter vorführen wollen, wie man es auf keinen Fall machen sollte: Das beginnt mit mangelnder oder gleich gar nicht stattfindender Kommunikation mit dem Landwirt. Viele Jagdpächter erfahren vom Beginn der Erntearbeiten dadurch, dass sie die Erntemaschinen auf den Feldern sehen. Dann werden hektisch alle Leute zusammentelefoniert, die eine Waffe tragen dürfen. Die Schützen trudeln nach und nach ein und werden aufgefordert, sich irgendwo ein gutes Plätzchen zu suchen.

Es herrscht ein ständiges Kommen und Gehen, weil die ersten sich schon wieder verabschieden. Keiner hat den Überblick, keiner weiß, wo die anderen Schützen stehen. Die Jagdteilnehmer stehen direkt am Schlag und rücken mit jeder abgeernteten Bahn nach. Wenn die Rotte aus dem Mais flüchtet, feuern die zu ebener Erde stehenden Jäger aus allen Rohren. Werden dann noch dunkle Klumpen im Mais beschossen oder den schon weit entfernten, hochflüchtigen Sauen ein paar flache Schüsse hinterher geschickt, dann wird es richtig gefährlich.

Erntejagd Gefahr
In Sekundenbruchteilen muss der Schütze die Situation beurteilen. In diesem Augenblick verbietet sich ein Schuss.

Schlecht organisierte Erntejagden besser meiden

Jedem sollte klar sein: So geht es nicht. Nicht nur der eventuelle Unglücksschütze und der Jagdleiter kommen in Teufels Küche, wenn hier etwas passiert. Für jeden Teilnehmer kann eine solch chaotische Veranstaltung unangenehme Folgen haben. Kommt jemand zu Schaden, so wird die Polizei in der Regel alle Waffen sicherstellen und gegen jeden Schützen ein Ermittlungsverfahren einleiten. Das bedeutet unnötigen Stress und Ärger, den keiner braucht. Deshalb sollte man sich gut überlegen, ob man derart schlecht organisierte Erntejagden überhaupt besucht oder nicht lieber freundlich, aber bestimmt, absagt.

Vorschriften beachten!

Das Wichtigste für die erfolgreiche und sichere Durchführung von Erntejagden ist natürlich, dass die gesetzlichen Vorgaben eingehalten werden. Das ist aber gar nicht so einfach: Das Bundesjagdgesetz enthält nichts zum Thema Erntejagden. Was zu beachten ist, ergibt sich aus der Unfallverhütungsvorschrift Jagd, allgemeinen Sorgfalts- und Verkehrssicherungspflichten und den Regelungen in einigen Landesjagdgesetzen. Die Vorschriften können von Bundesland zu Bundesland voneinander abweichen. Im Zweifelsfall erkundigt man sich beim jeweiligen Landesjagdverband oder der Berufsgenossenschaft.

So ist bisher nur in Mecklenburg-Vorpommern (Jagdzeiten-Verordnung § 3, Absatz 1, Nr. 6) geregelt, dass die Erntejagd nur „von erhöhten jagdlichen Einrichtungen“ aus erlaubt ist. Aber: Grundsätzlich darf ein Schuss nur abgegeben werden, wenn ein sicherer Kugelfang vorhanden ist. Das ist bei ebenerdig aufgestellten Schützen in flachem Gelände in der Regel nicht der Fall. Wer bei Erntejagden auf erhöhte Ansitzeinrichtungen verzichtet, ohne dass das Gelände einen natürlichen Kugelfang bietet, muss damit rechnen, dass ihm im Schadensfall Fahrlässigkeit vorgeworfen und er in die Haftung genommen wird.

Drueckjagdböcke
Drückjagdböcke lassen sich nicht nur auf Waldjagden nutzen, sondern bieten durch ihren erhöhten Stand auch mehr Sicherheit bei Erntejagden.

Ansitzeinrichtungen auf Fahrzeugen sind umstritten

Auf Fahrzeugen oder Anhängern montierte Jagdeinrichtungen sind praktisch: Schreiten die Erntearbeiten voran, so können sie schnell und unkompliziert an die sich ergebenden jagdlichen Brennpunkte transportiert werden. Und weil es so schön praktisch ist, empfehlen einige Landesjagdverbände (LJV) und Berufsgenossenschaften (BG) dergleichen ihren Mitgliedern. Aber: Es ist unter Fachleuten umstritten, ob der auf die Ladefläche eines Pick-Up montierte Drückjagdbock oder die Kanzel auf dem mit dem Zugfahrzeug noch verbundenen Anhängern nicht unter das sachliche Verbot des § 19 Bundesjagdgesetz fallen, Wild aus Kraftfahrzeugen zu erlegen. Wird eine Anzeige erstattet, entscheidet das Gericht, nicht der LJV oder die BG.

Organisation von Erntejagden

Die Planung und Organisation von Erntejagden ist ein undankbares Geschäft, weil die Erntetermine oft kurzfristig angesetzt und noch kurzfristiger wieder umgestoßen werden, zum Beispiel weil das Wetter nicht mitspielt. Um überhaupt planen zu können ist es aber wichtig, die Erntetermine möglichst frühzeitig in Erfahrung zu bringen. Notfalls muss man den Landwirt an seine Mitwirkungspflichten erinnern. Nur so ist es möglich, Schützen und Hunde- bzw. Nachsuchenführer rechtzeitig einzuladen.

Rapsernte
Oft erfährt der Jagdpächter erst kurz vorher von den Erntearbeiten. Die zuerst eintreffenden Jäger umstellen dann schon einmal so gut es geht das Raps- oder Maisfeld. Die nach und nach eintrudelnden Jäger reihen sich dann einfach ein und versuchen die Lücken zu schließen. Wenn jetzt etwas passiert, trifft den Jagdleiter in jedem Fall eine Mitschuld, denn es gab keine Sicherheitsbelehrung für alle Schützen.

Zauberwort Kommunikation

Namen und Telefonnummern aller Jagdteilnehmer sollten gesammelt und auf einer Liste aufgeführt werden. Aus Datenschutzgründen wird es nicht immer möglich sein, jedem Jagdteilnehmer diese Liste auszuhändigen. Auf kleineren Jagden, wenn man sich untereinander kennt und vertraut, ist das aber in Ordnung. Generell ist es sinnvoll, den Teilnehmern einer Gesellschaftsjagd, zu der ja auch die Erntejagd zählt, einen Handzettel mit einer Revierkarte, der Freigabe, den Sicherheitsbestimmungen und den Kontaktdaten wichtiger Ansprechpartner vom Jagdleiter über Ansteller bis zu Tierärzten in der Nähe auszuhändigen. Nicht nur kurzweilig, sondern oft auch hilfreich ist es, alle Jagdteilnehmer mit Smartphones in Messenger-Gruppen, zum Beispiel bei Whatsapp oder Telegram zu organisieren. Eine gute Alternative zu dieser Form der Gruppenkommunikation in Gebieten mit schlechtem Handyempfang sind Walkie-Talkies.

Der Jagdleiter

Wenn mehr als vier Jäger an einer Gesellschaftsjagd teilnehmen oder wenn generell mehrere Personen (Treiber zählen auch) zusammenwirken, um Wild zu erlegen, ist ein Jagdleiter vorgeschrieben. Dieser sollte seinen Job ernst nehmen, sonst kann er im Schadensfall belangt werden. Dies vor allem dann, wenn elementare Sicherheitsvorkehrungen nicht eingehalten werden. Im eigenen Interesse sollte der Jagdleiter sicherstellen, dass Jagdscheine kontrolliert, Schützen von den Anstellern am Stand eingewiesen und Gefahrensektoren auf den Ständen deutlich sichtbar markiert werden.

Auch Veranstalter und Organisatoren von Erntejagden müssen im Rahmen der Verkehrssicherungspflicht dafür sorgen, dass durch die Jagd beunruhigtes Wild den Straßenverkehr nicht gefährdet. Im Einzelfall dürfte es schwer zu beweisen sein, ob Wild durch die Erntemaschinen oder durch Schüsse zur Flucht über die Bundesstraße veranlasst worden ist. Wer Ärger vermeiden will, stellt lieber einmal zu viel, als einmal zu wenig Warnschilder an Straßen und Wegen auf.

Verkehrszeichenplan
Je nach Straßenart können unterschiedliche Verkehrssicherungsmaßnahmen notwendig sein.

Ansprache des Jagdleiters

Besondere Bedeutung kommt der Ansprache des Jagdleiters zu, die häufig mit leichtfertiger Lässigkeit abgetan wird. Es reicht nicht, einen guten Morgen zu wünschen und daran zu erinnern, dass jeder für seinen Schuss verantwortlich ist. Aus Haftungsgründen ist es unverzichtbar, den Teilnehmern die geltenden Sicherheitsbestimmungen einzuschärfen, wie zum Beispiel:

  • Laden und Entladen der Waffe nur auf dem Stand
  • Stand darf nicht verlassen werden
  • Keine Schüsse ins Treiben, keine Schüsse in Mais oder Getreide
  • Keine Schüsse in Richtung von Erntefahrzeugen, Arbeitern, Jagdhelfern, Siedlungen oder sonstiger gefährdeter Bereiche
  • Kurz schießen, maximale Schusswinkel und Schussentfernung ansagen.
  • Alkoholverbot vor und während der Jagd
  • Kleidung in Signalfarben erforderlich, orangefarbenes Hutband reicht nicht aus
  • Gefahrenbereich von Erntefahrzeugen beachten

Auf spezielle Gegebenheiten vor Ort, wie unübersichtliches Gelände oder erhöhte Gefahr von Abprallern durch steinigen Boden ist gegebenenfalls ebenfalls einzugehen.

Ansprache Jagdleiter
Der Ansprache des Jagdleiters kommt eine wichtige Aufgabe zu – nicht nur auf der Drückjagd, sondern bei jeder Gesellschaftsjagd.

Als Jungjäger bei der Erntejagd?

An der Erntejagd scheiden sich die Geister: Manche Jäger freuen sich schon lange vorher auf die Erntejagden, weil sie der Auftakt zu den Bewegungsjagden im Herbst und eine gute Gelegenheit sind, ordentlich Strecke zu machen: Man hat oft guten Anblick und die Freigaben sind meistens großzügig (alles, was kommt…). Anderen sind Erntejagden ein Graus, wahrscheinlich, weil sie bei ein paar schlecht organisierten dabei waren.

Viele Jungjäger machen ihre ersten Erfahrungen mit Bewegungsjagden auf Erntejagden, da dazu gern jeder verfügbare Schütze eingeladen wird. Optimal ist das nicht, weil auf Erntejagden ruhige, beherrschte und erfahrene Schützen gefragt sind, die viel Übung im Flüchtigschießen haben und blitzschnell sicher ansprechen können – Eigenschaften, die Jungjäger nicht mitbringen können. Von solchen Erwägungen wird sich freilich kein auf spannende Jagderlebnisse brennender Jungjäger abhalten lassen, die Einladung zu einer Erntejagd abzulehnen. Umso wichtiger ist es, sich auf dem Stand ganz genau einzuprägen, in welche Richtungen man auf keinen Fall schießen darf oder welche Schusswinkel für die geforderten kurzen Schussdistanzen einzuhalten sind. Es hilft, sich in Gedanken auf verschiedene Situationen vorzubereiten und mental zu trainieren, beispielsweise keinesfalls in Richtung der Erntefahrzeuge zu schießen.

Enttäuschend ist es dann aber, wenn die Sauen vor einem aus dem Mais brechen, und man sie nicht schnell genug in das völlig veraltete 8×56-Zielfernrohr kriegt. Entscheidend für den Jagderfolg auf Erntejagden ist durchaus auch die richtige Ausrüstung.

Erntejagd

Ausrüstung für Erntejagden

Erntejagden sind Bewegungsjagden, in aller Regel wird auf flüchtiges Wild geschossen. Die optimale Ausrüstung für die Erntejagd entspricht deswegen weitgehend der Ausrüstung für Drück- und Bewegungsjagden.

Unerlässlich ist Signalkleidung, die sich, wie gesagt, nicht auf Mütze oder Hutband beschränken sollte, sondern zumindest den Oberkörper großflächig mit leuchtenden Neonfarben von der Umgebung abheben sollte.

Die Waffe der Wahl ist ein führiger, gut liegender Repetierer oder Halbautomat mit drückjagdtauglicher Optik. Große „Ofenrohre“ für die Nachtjagd machen nicht nur die Waffe schwer und unhandlich, was das Flüchtigschießen erschwert. Sie haben in der Regel auch kleinere Sehfelder als Drückjagdzielfernrohre oder Rotpunktvisiere. Das große Sehfeld der letzteren beiden ermöglicht es dem Schützen, den Überblick zu behalten. Mit etwas Übung kann mit beiden Augen geöffnet geschossen werden. Das bürgt nicht nur für schnelle und intuitive Zielerfassung, sondern ist ein großer Zugewinn an Sicherheit, da beim Schuss weiträumig die Umgebung wahrgenommen wird und nicht nur ein winziger Ausschnitt.

Jedes übliche schalenwildtaugliche Kaliber taugt für den Einsatz auf der Erntejagd. Bei den geforderten kurzen Schussentfernungen kommt es weder auf besondere Rasanz, noch auf gewaltige Durchschlagskraft an. Entscheidend ist der Treffersitz. Wer bleifrei schießen muss oder will, ist mit speziellen Drückjagd-Geschossen gut bedient, die auf rasches Aufpilzen und kurze Fluchtstrecken optimiert sind.

Mit guter Planung, den richtigen Leuten und hochwertiger Ausrüstung können Erntejagden richtig Spaß und Strecke bringen. Das Allerwichtigste dabei ist, dass die gute alte jagdliche Weisheit beherzigt wird: Sicherheit geht vor Jagderfolg.

 

3 Antworten

  1. „Mit guter Planung, den richtigen Leuten und hochwertiger Ausrüstung können Erntejagden richtig Spaß und Strecke bringen“ schön, dass hier auch mal das Wort „Spaß“ offen genannt wird. Genau darin liegt nämlich das große Problem der meisten Jäger, oft kommt der persönliche Spaß vor Anstand und Respekt gegenüber dem Tier! Den Artikel finde ich gut und sehr informativ, auch für Menschen wie mich, die die Jagd in ihrer jetzigen Form ablehnen. Danke!

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