Reibungspunkt Wald und Wild

Wir Deutschen haben ein besonderes Verhältnis zum Wald. Vielleicht liegt das daran, weil in früherer Zeit der Wald in unseren Breiten eine beruhigende Schutzkulisse bot, in die sich unsere Vorfahren zurückziehen, aus der sie aber auch überfallartig angreifen konnten wie Arminius in der Varusschlacht gegen die Römer. Große Dichter und Denker, wie Goethe, Heinrich von Kleist oder Friedrich Hebbel, Komponisten wie Wagner, um nur einige von vielen zu nennen, huldigten in ihren Werken dem Wald. Kein Wunder, dass auch in den Forstwissenschaften viele führende Persönlichkeiten deutsch sprachen, wie zum Beispiel Wilhelm Pfeil, Heinrich Cotta oder Georg Ludwig Hartig. Und schließlich sicherten sich die politischen Herrscher durch große Bannforsten ihre Vorrechte auf Baum und Wild.

Die (Ungleich-)Gewichtung zwischen Wald und Wild sorgt wieder einmal für Reibungspunkte

Mit der Waldromantik ist es vorbei

Doch die romantische Beziehung zum Wald (immerhin bedeckt er rund ein Drittel unserer Landesfläche) hat den Übergang ins nächste Jahrtausend nur bedingt geschafft. Zumindest was den professionellen Umgang mit diesem Gut betrifft. Klimawandel, Borkenkäfer, Luftverschmutzung, Bodenverdichtung, Raubbau – alles Dinge, die unsere Wälder augenfällig belasten und zum Rückgang von Waldfläche führen. Viele dieser Phänomene sind global und nicht auf die Schnelle zu korrigieren. Aber eines steht fest: Wir brauchen möglichst viel stabilen Wald für unsere eigene Zukunft. Um dieses Ziel voranzutreiben, sollen laut aktuellem Entwurf des neuen Bundesjagdgesetzes die Schalenwildbestände auf solch ein niedriges Niveau gebracht werden, dass die Verjüngung ohne Schutzmaßnahmen erfolgen kann. Mit Verjüngung ist nicht nur Naturverjüngung gemeint, sondern auch Saat und Pflanzung. Zu Beginn der Woche hat sich DJV-Präsident Dr. Volker Böhning mit einer Videobotschaft an die Öffentlichkeit gewandt, um darauf aufmerksam zu machen, dass diese Forderung unseren Wildtieren nicht gerecht wird. 

Nach dem aktuellen Entwurf des neuen Bundesjagdgesetzes müsste diese kleine Tanne auch ohne Einzelschutz klarkommen

Selbst der Mutterschutz steht zur Disposition

Vom Schalenwild gibt es laut wissenschaftlichem Beirat für Forstpolitik viel zu viel, was mancherorts ja auch stimmt, aber längst nicht überall der Fall ist. Deshalb soll es mit allen Mitteln bekämpft werden. Jagdzeiten fast durchs ganze Jahr, keine Behinderungen mehr durch Abschusspläne, und selbst das bisher eisern geltende „Tabu Mutterschutz“ soll jetzt fallen, indem es zu einer tierschutzrechtlichen Bagatelle herabgestuft wird. Das alles klingt eher nach Guerilla-Krieg als nach Jagd. Ist die Situation wirklich so schlimm, dass selbst der höchste Grundsatz deutscher Waidgerechtigkeit geopfert werden muss?

Selbst aus Sicht von Natur- und Tierschutzorganisationen ist der vorliegende Entwurf zur Novellierung des Bundesjagdgesetzes in vielen Punkten tierschutz- und wildtierfeindlich. Das geht aus einer gemeinsamen Stellungnahme von insgesamt 28 Natur- und Tierschutzorganisationen hervor, die am 15. Januar den zuständigen Ministerien und Fachausschüssen zugestellt wurde. So heißt es darin: „Die geplanten neuen Vorschriften haben einseitig eine Verjüngung des Waldes im Blick. Wald und Wild müssen aber in ihrer natürlichen Symbiose und Wechselwirkung koexistieren können.“

Rehe im Kiefernwald
„Rehe“: Das könnte zukünftig womöglich als einzig notwendiges Ansprechkriterium übrig bleiben

Vitaler Wald, vitale Wildbestände

Die Begründung für den im Gesetzesentwurf vorgeschlagenen Wortlaut ist: „Mit soviel Wild im Wald kann der Umbau und die Wiederaufforstung nicht gelingen.“ Richtig ist, dass in den vielerorts vorherrschenden Fichten- und Kieferreinbeständen durch Pflanzung eingebrachte Laubbäume – oder auch schmackhafte Nadelhölzer wie Tanne und Douglasie – wie ein Magnet auf das Wild wirken. Dort reichen schon wenige Rehe, um diese Zukunftsträger zu finden und zu verbeißen. 

Wer in solch einem Kiefernreinbestand Laubholz ohne Verbissschutz einbringen will, braucht einen sehr niedrigen Wildbestand

Wenn als Folge von Trockenheit und Klimakalamitäten viel neu gepflanzt werden muss, ist es dann nicht möglich, bei dieser für die Zukunft wichtigen Aufgabe einen Schutz aufzubauen? Und können nicht bestimmte Abschnitte einfach der natürlichen Sukzession überlassen werden? Das Schwierige beim Waldbau ist, dass keiner weiß, welches Klima den heute gepflanzten Setzling als erwachsenen Baum erwartet. Es ist also – wo möglich – sicher keine schlechte Lösung, die Natur selbst entscheiden zu lassen. 

Mehrstufig aufgebaute Waldbestände sind stabil, schaffen Deckung und liefern jede Menge Äsung, so dass auch vorsichtiges Wild tagaktiv wird – wie diese Bache mit ihrem Frischling

Die jagdlichen Herausforderungen werden anspruchsvoller

Zum Ökosystem Wald hat immer das Wild gehört. Das sollte auch so bleiben. Waldbesucher wissen das ebenfalls zu schätzen. Der Anblick eines Hasen oder Rehs bei ihrem Gang ins Grüne gehört in den Erzählungen von diesen Ausflügen zu den Höhepunkten. Mehr Deckung, mehr Äsung: Die Konzeption eines Mischwaldes spielt dem Wild in die Karten. Eine Herausforderung an die Jäger, ihre Strategien auf diese Verhältnisse einzustellen. Auch wenn sie mutig eingreifen, ist noch längst nicht gesagt, dass ihre Reviere ausbluten. Allerdings wird das Jagen anspruchsvoller. Mehr Jagd, mehr Beute, mehr Freude verspricht die Waldjagd der Zukunft, vorausgesetzt die wilden Tiere im Wald werden nicht zu Schießscheiben degradiert.

Bestens geschützt und kaum zu sehen – Rehbock im Unterholz

4 Antworten

  1. Ich bin von Beruf Kapitän, habe seit DDR-ZEITEN mit der Jagd zu tun und bin selbst Jäger und Gutsbesitzer. Ich bin auch der Vorsitzende unserer Jagd Genossenschaft. Meine Flächen sind in die Gemeindejagd integriert.
    Das eine Problem ist, dass das „jagende Präkariat “ ( Grosskopfeten) die Jagd als eigenständige Bewirtschaftung versteht. Ohne Rücksicht auf Forst- und Landwirtschaft. „Gut besetzte Reviere “ gelten als das Maß der Dinge. Das fordert den Widerstand der Forstwirtschaft heraus, die aber selbst lange von den dann hohen Erlösen dieser Art Jagd profitiert hat. Nur mittlerweile sind die Kosten deutlich höher. In den „Bauernjagden“ haben wir keine Probleme mit der Wilddichte. Ich habe ordentliche Naturverjüngungen, habe Unterbau mit Rotbuche, Tanne und Douglasie mit und ohne Zaun und es funktioniert. Die Jäger sind aber alle aus der Gegend und vielfach selbst Grundeigentümer. Das andere Problem ist eine Umweltpolitik, die von Betrug und Aberglauben und Leuten aus der Stadt bestimmt und so auch von den Medien mitgetragen wird. Echte naturwissenschaftliche Grundlagen gibt es kaum. Diese Politik wird auf dem Land kaum noch akzeptiert. So redet jeder über den anderen. Die Akzeptanz gegenüber der Position des anderen gibt es nicht mehr.

  2. Jeder Pächter und jeder Jagd berechtigte hat es selbst in der Hand in die weit er die Vorgaben ausführt die Jagdverbände sind Naturschutzverbände und keine Verbände die nur auf den Nutzen aus Wald Ernte bezogen sind insofern sehe ich den gesetzlichen Veränderungen gelassen entgegen

  3. Den Bericht von Dieter v. Menke kann ich nur vollinhaltlich beipflichten.
    Bin auch Waldbesitzer und Jäger, und warum uns nun die Geldjäger sagen wollen, wie mir unsern Wald unterhalten müssen geht nun mal nicht.
    Denn jedes Revier hat andere Bodenverhältnisse und auch gleichzeitig auch andere Meinungen bei den Waldbauern !
    Die selbsternannten Naturschützer , haben die überhaupt eine entsprechende Naturnahe Ausbildung, um Mitreden zu können, nach 40 befragten dazu, war einer bereit seinen Beruf zu sagen “ Taxifahrer“
    Solche Leute können doch keine Volksmeinung über der Wald fällen.
    Warum sind denn die Jäger und die Grundstücksbesitzer, Geistig und Wirtschaftlich, so weit voneinander entfernt, wo sie doch einen Jagdpachtvertrag gemeinsam geschlossen haben, den Diese wieder verlängern wollen !
    Hainlein Karl

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