Was sagen Jagdstrecken aus?

Zum Ende des Kalenderjahres wird in Wirtschaftsunternehmen eine Bilanz gezogen, also eine Bewertung der Ergebnisse des zurückliegenden Jahres. So halten es auch die Jäger. Nur, dass sie zum 31. März zusammenzählen. Das entspricht nach der offiziellen Festlegung einem Jagdjahr. Zu dem Zeitpunkt enden zum Beispiel auch Jagdpachtverträge, neue beginnen am 1. April. Zu dem Datum muss auch der Jagdschein verlängert sein. Der Beginn des Jagdjahres zum Frühling ist durchaus sinnvoll. Mit der aufkeimenden Natur bringen Wildtiere die nächste Generation zur Welt und die Nachkömmlinge des letzten Jagdjahres setzen sich von den Elterntieren ab. Die Ermittlung des Frühjahrsbestandes ist deshalb eine gute Basis, um das jagdliche Vorgehen festzulegen, so zum Beispiel in Form von Abschussplänen für Schalenwild.

In attraktiven Lebensräumen fühlt sich meistens nicht nur eine Wildart wohl.

Positive Tendenz bei Schalenwildstrecken

Auch wenn der Jäger sein Wild nicht so erfassen kann wie ein Bauer sein Vieh, will er sich doch einen ungefähren Überblick verschaffen, um daraus das Vorgehen für das neue Jagdjahr abzuleiten. Haben Wildarten zugenommen, hat es einen Einbruch gegeben, wie ist das Verhältnis von weiblichem zu männlichem Wild – auf dieser Grundlage werden die Abschüsse geplant. Dabei spielt es eine Rolle, ob ein Überhang vorhanden ist, der behoben werden soll. Dann ist Reduktion angesagt, und die erfordert einen höheren Einsatz, denn bei hohem Jagddruck sinken erfahrungsgemäß die Erfolgschancen. Entspannter ist es, wenn sich der bisherige Eingriff als richtig erwiesen hat und beibehalten werden kann. Sollte der Bestand zu sehr ausgedünnt sein, ist Zurückhaltung angesagt. In den meisten Revieren Deutschlands ist das jedoch eher nicht der Fall. Die Schalenwildstrecken weisen nach wie vor eine Tendenz nach oben auf (Ausnahme Muffel- und Gamswild)

Nach einem gemeinsamen Jagdtag ist es ein gutes Gefühl, an so einer Strecke zu stehen.

Absolute Zahlen wenig aussagekräftig

Einige Bundesländer protzen gern mit deutschen Höchstwerten. Diese absoluten (Rekord)Zahlen sind irreführend, eine Milchmädchenrechnung. Es ist klar, dass im Saarland nicht so viele Sauen geschossen werden wie in Niedersachsen, wenn die Größe der beiden Länder herangezogen wird. Realistischer und informativer ist es, die jagdbare Fläche in Relation zur Strecke zu setzen. Anhand der aktuellen Schwarzwildstrecke 2020/21 soll das hier beispielhaft geschehen. Bezugspunkte sind die Größe der Jagdfläche des jeweiligen Bundeslandes in Beziehung zu den Schwarzwildabschüssen. Als Zusatzinformation dazu die durchschnittliche Strecke pro Jagdscheininhaber in dem Bundesland.

BundeslandGesamtstrecke SauenFläche pro SauAnzahl Sauen pro Jäger
Mecklenburg-Vorpommern106.80319,7 ha8,05
Brandenburg90.30627 ha6,60
Sachsen-Anhalt39.73347,8 ha3,46
Thüringen38.55637,2 ha3,02
Sachsen37.06942,3 ha2,90
Rheinland-Pfalz55.23035,3 ha2,48
Hessen52.82034,7 ha2,00
Bayern78.06486,1 ha1,63
Saarland6.63137,0 ha1,35
Niedersachsen61.96065,3 ha1,03
Schleswig-Holstein21.28666,5 ha0,91
Baden-Württemberg49.45070,7 ha0,90
Berlin2.5837,0 ha0,65
Nordrhein-Westfalen34.25178,8 ha0,37
Hamburg29381,9 ha0,10
Bremen15933 ha0,02

Bezug zur Jagdfläche gibt ein realistisches Bild

Diese Aufstellung ergibt ein wesentlich realistischeres Bild auf Landesebene als lediglich die reine Streckenzahl, wie sie üblicherweise veröffentlicht wird. Daraus lässt sich mehr über Wilddichte und Intensität ablesen. Die Bayern bringen es zwar mit fast 80.000 Sauen auf die dritthöchste Strecke in der Republik, auf die Jagdfläche umgerechnet bedeutet das aber „nur“ ein Stück Schwarzwild pro 86 Hektar Jagdfläche und 1,63 „Schützenanteil“ pro Jagdscheininhaber. Die Thüringer schaffen dagegen 3,02 Saubeteiligungen pro Jäger und 1 Stück pro 37,2 Hektar. Spitzenreiter sind die Jäger in Mecklenburg-Vorpommern: Eine Sau pro 19,7 Hektar bedeuten mehr als 8 pro heimischem Jagdscheininhaber. Und nicht jeder von ihnen wird sich ständig die Nächte um die Ohren schlagen. Für die wirklich Eifrigen kann das dann schon in Arbeit ausarten. Ein Antrieb wird auch aktuell die ausgelobte Pürzelprämie von 50 Euro gewesen sein, die bei den bescheidenen Wildbretpreisen wenigstens einen gewissen Ausgleich für den erhöhten Aufwand bietet.

Den Sauen geht es gut, wie diese intakte Herbstrotte belegt.

Hohe Strecken – kein deutsches Phänomen

Die Erfassung von Wildbeständen ist bekanntermaßen schwierig. Ebenso spiegeln die Streckenergebnisse nicht zu hundert Prozent die Wildsituation in unseren Revieren wider. Trends lassen sich jedoch daraus sehr gut ablesen, wie zum Beispiel die enorme Zunahme bei Waschbären oder Marderhund. Die Jagdstrecken beim Schalenwild haben sich ebenfalls erheblich gesteigert oder bewegen sich nach wie vor auf hohem Niveau wie beim Rehwild. Die Zunahme dieser Wildarten ist übrigens kein spezielles deutsches Phänomen und auch kein Merkmal des Jagdsystems, denn ähnliche Trends verzeichnen auch unsere angrenzenden mitteleuropäischen Nachbarn.

Zwei Wildarten, deren Strecken steil angestiegen sind: Sau und Dachs.

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