Wenn’s im Rehwildrevier rund geht

Nach den Frühjahrstagen mit frischem Grün sind die Rehe ziemlich abgetaucht. In Getreidefeldern, dem hochschießenden Mais in der Feldflur oder im üppigen Unterwuchs des Waldes. Die Rehmütter kümmern sich um ihren Nachwuchs und halten ihren Aktionsradius ebenso klein wie Böcke, die sich in der Feiste für kommende Aufgaben stärken. Denn spätestens Mitte Juli werden sie ihre Territorien wieder aktiv gegen Rivalen abstecken und auf den Läufen sein, um nach paarungsbereiten Rehdamen Ausschau halten.

In erster Linie orientiert sich der suchende Bock an der Duftspur von Geißen.

Die hohe Zeit unseres Rehwildes spielt sich in der heißesten Zeit des Jahres ab – ungefähr einen Monat lang, von Mitte Juli bis Mitte August. Wobei in den letzten Jahren sich der Beginn, vielleicht bedingt durch den Klimawandel, etwas nach vorn verlagert hat. Wissenschaftler ermittelten im Schnitt einen Abstand von rund 66 Tagen zwischen Setz- und Brunfttermin bei den weiblichen Stücken.

In der Blattzeit werden hochinteressante Böcke sichtbar, die bis dahin im Revier noch nicht gesehen wurden.

Intensives Treiben im Revier

Der große Vorteil für den Jäger: Durch das intensive Treiben betreten die Rehe in seinem Revier den ganzen Tag wieder die Bühne und können gut beobachtet werden. Natürlich interessieren in diesem Fall besonders die Böcke. Die alten und manchmal bis dahin fast unsichtbaren alten Kämpen treten jetzt besonders dominant in Erscheinung. Sie versuchen, „heiße Geißen“ in ihrem Hoheitsgebiet zu halten oder sie dort hineinzutreiben, damit sie keine Ärger mit ihrem Nachbarn bekommen. Sie hängen der Auserwählten manchmal regelrecht an der Schürze und beschlagen sie in Abständen mehrfach. Das Ganze erstreckt sich im Schnitt über drei Tage. Sehen sie ihre Aufgabe als erledigt an, machen sie sich sogleich auf die Suche nach einem neuen Liebesabenteuer. Dabei wildern sie auch gern einmal auf fremden Terrain.

Dominante Böcke versuchen, weibliche Stücke in ihrem Hoheitsgebiet zu halten und ein Ausbrechen zu verhindern.

Aktivität den ganzen Tag über

Wie kann sich der Jäger dieses wilde Treiben zunutze machen? Zunächst einmal profitiert der Jägersmann von der intensiven und häufig auch unvorsichtigen Verhaltensweise seiner Rehe. Und das bezieht sich nicht allein auf die Morgen- und Abendstunden. Eigentlich besteht den ganzen Tag die Chance auf Anblick bei bestem Licht. Das ist auch witterungsunabhängig. Ob Regen oder Sonnenschein – wenn das weibliche Stück brunftig ist, hat der Bock keine Wahl. Deshalb ist der alte Spruch „Den Bock verwirrt der Sonne Glut“, wenig zutreffend. Denn wenn es übermäßig heiß ist, beschränken sich die Aktivitäten der Hochzeiter auf ein Minimum.

Rundballen sind eine ideale Möglichkeit im Feld zu blatten. Sie bieten Deckung und eine gute Gewehrauflage.
Die Rehbrunft bringt viel Bewegung ins Revier, so dass Böcke oft auf große Entfernung ausgemacht werden können.

Ein Blatter zaubert manches hervor

Wer Lust hat und das Handwerk beherrscht, kann in dieser Zeit auch aktiv in das Geschehen eingreifen. Das nennt sich dann Blattjagd. Blattjagd deshalb, weil der Jäger mit einem Buchen- oder Fliederblatt die Locklaute der weiblichen Stücke nachahmt, um einen suchenden Bock heranzulocken. Diese Kunst beherrschen nur wenige. Dafür gibt es heute eine Vielzahl von Blattjagd-Instrumenten, die diese Methode einfacher machen. Vom Gummi-Blasebalg bis hin zu Fiepen, auf denen eine Vielzahl von Tönen erzeugt werden können: Fiepen, Sprengruf, Angstgeschrei oder Kitzfiep. Dafür ist ein bisschen Übung notwendig und das Gefühl, in welcher Situation welcher Ton der richtige ist.

Eine kleine Auswahl an Instrumenten. Mindestens genauso wichtig ist das Gefühl für den richtigen Ort und die richtige Zeit.

Verkehrt machen kann man nichts

Viele Jäger trauen sich ans Blatten nicht heran, weil sie befürchten, etwas falsch zu machen. Andere haben es versucht, aber wieder aufgegeben, weil sie keinen Erfolg hatten. Zunächst: Falsch machen kann man quasi nichts, denn das Reh- und auch alles andere Wild kümmert sich wenig um die vom Jäger erzeugten Geräusche, wenn es sie nicht betrifft. Auch ein verunglückter Ton bringt nichts durcheinander. Die Erfolglosen blatten meistens zu hoch und zu leise und haben zu wenig Ausdauer. Nur selten „springen“ die Böcke auf die erste Tonfolge. Die alten Herren schleichen sich gerne an, manchmal sogar lange nachdem die letzte Strophe verklungen ist. Hier hilft es, sich einen Tonträger von Profis anzuhören, um das Ohr für passende Laute zu schulen.

Im deckungsreichen Einstand sind die Chancen hoch – besonders wenn man einen Blattjagd-Könner an seiner Seite hat.

Das Geschlechterverhältnis ist wichtig

„Nicht jeder Tag ist Fangtag“, eine Regel, die in diesem Fall auch für die Blattjagd gilt. Es gibt Tage, an denen auch Profis nichts ausrichten können, und es gibt Tage, an denen laufen einen die Böcke um. Die besten Erfolge stellen sich erfahrungsgemäß zum Ende der Brunft ein, wenn die meisten Geißen beschlagen sind, die Böcke aber immer noch Lust haben. In Revieren, die einen großen Überhang an weiblichen Stücken haben, tut man sich schwer, da die Böcke reichlich ausgelastet sind und es nicht nötig haben, auf die Locktöne zu reagieren. Ebenso schwierig ist es, einen Bock heranzublatten, der bereits eine Rehdame umgarnt. Das funktioniert am ehesten mit einem Kitzfiep, denn wenn die Rehmutter darauf zusteht, folgt ihr sicher der Galan im Schlepptau.

Fazit: Viele attraktive Möglichkeiten für den passionierten Rehwildjäger in der Blattzeit. Dazu die Möglichkeit, aktiv in das Geschehen einzugreifen. Und wohl keine Zeit ist besser, um interessante alte Böcke zu Gesicht zu bekommen. Waidmannsheil!

Aus guter Deckung wird versucht, einen suchenden Bock heranzulocken.

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