Vom Naturfotografen zum Kitzretter
Wiese 2: Diese Wiese ist so klein, dass die Kitzretter-Einsatzleitung lediglich ein Team bittet, sich mit Kiste, Handschuh und Gras bereit zu halten. Ich gehöre nicht zur Kitzrettungs-Stamm-Personenschaft, bin von einem Jagdpächter eingeladen worden und bin zum aller ersten Mal in meinem Leben bei einer solchen Kitzrettungsaktion dabei.
Ich bin für meine Verhältnisse mit drei Uhr sehr früh aufgestanden und möchte unbedingt die Chance erhalten, in einen unmittelbaren (natürlich behandschuhten und mit Gras abgepufferten) Kontakt mit einem Rehkitz zu kommen.
Sonst bin ich mit einer Digitalkamera und Teleobjektiv auf der Jagd nach Lebendem. In der Fotografie gelingt mir durch das Teleobjektiv meistens ausreichend „Nähe“, das ist heute anders.
Als der Aufruf der Kitzretter-Einsatzleitung kommt, begebe ich mich zu den Personen, die für diese Wiese die potentielle „Einsammelfunktion“ übernehmen sollen. Und dann schallt es auch schon aus dem Walkitalki: „Bitte in 50m schräg links nachsehen.“
Aus der Kitzrettungsaktion von Wiese 1 habe ich gelernt, dass dieses Signal aus dem Walkitalki auch bedeuten kann, dass man eventuell nur einen Maulwurfshügel, eine Sasse, einen ehemaligen Liegeplatz von was auch immer oder einen Findling „begutachten“ muss. Aber ich habe noch die Hoffnung, dass ich vielleicht auch so ein Kitz aus nächster Nähe begutachten darf.
Der Satz: „Bitte in 50m schräg links nachsehen.“ hallt noch in meinen Ohren und der kleine Junge in mir beschleunigt seine Schritte und der 52 Jahre alte Mann, der ich bin, versucht zu folgen. Beide, der Junge in mir und ich, hören dann die deutliche erneute Ansage aus dem Walkitalki: „Langsam und vorsichtig.“ Gut, jemanden Erfahrenen am Kommandostand zu haben. Und tatsächlich, in dem fast einen Meter hohen Gras ist nur eine schätzungsweise 30cm breite, kreisrunde Vertiefung zu erkennen. Unten am Boden in dieser Röhre aus Gras liegt zusammengekauert ein Kitz. Ich überprüfe den Sitz meiner Handschuhe und die Anwesenheit von ausreichend Gras in den Handflächen. Ich weiß nicht, was ich erwartet habe, aber das von mir aufgenommene, lebende Tier bleibt steif und fühlt sich dadurch nicht gerade lebendig an.
Ich lege es vorsichtig in die Transportkiste. Sein Zwilling liegt nicht weit entfernt und wird von einer anderen Person aus meiner „Einsammelgruppe“ in eine weitere Box gelegt.
Das war mein Erstkontakt mit einem lebenden Kitz in einer Kitzrettungsaktion. Die Kamera ist an diesem Tag daheim geblieben, es gibt also keine Datenspuren auf einer SD-Karte. Die emotionalen Eindrücke dieses Tages sind aber deutlich abrufbar in meinem Hirn und Herzen abgespeichert.
Ich bin nach Stunden auch dabei, als die Jäger die insgesamt drei Kitze, die wir „sichern“ konnten, wieder befreien.
Auf dem Weg nach Hause stelle ich mir die Frage, ob die Ricke mein Kitz wieder angenommen hat, oder ob ich vielleicht einen Fehler gemacht habe.
Eine Woche später erfahre ich, dass in mehreren Kitzrettungsaktionen in diesem Revier zwölf Kitze gerettet, leider aber auch drei Kitze nicht entdeckt und dann ausgemäht wurden.
Ich danke allen Personen, die ihre Zeit für die Kitzrettung zur Verfügung stellen. Außerdem freue ich mich als durchaus technikkritischer Mensch, dass es diese Drohnentechnik gibt. Wie leicht kann man im hohen Gras ein Lebewesen übersehen und tottreten, wenn man die Wiesen „nur“ abschreitet und einmal nicht achtsam genug dabei ist.
