Eine ganz besondere "Kitzrettung"
Am 15.06.2022 erhielten wir bei einem gemeinschaftlichen Abendansitz einen Anruf eines Jagdgenossen, dass in unserem Revier ein Kitz angemäht worden sei. Der Landwirt hatte uns zuvor leider nicht informiert – Gründe nannte er viele, kein einziger davon stichhaltig. Schließlich oblag uns nur noch eine letzte Aufgabe – das kleine Wesen von seinen Leiden zu erlösen. Als die Geiß einige Zeit später immer wieder an die Stelle zurückkehrte und verzweifelt suchte, kämpften wir alle mit den Tränen.
Dieser Vorfall war die Geburtsstunde des Vereins „Kitzrettung Kulmbach e.V.“. Um den staatlichen Zuschuss für die Anschaffung zweier Drohnen abrufen zu können, gründeten wir am 17.07.2022 einen eingetragenen Verein. Nach Erfüllung der Formalien kauften wir zwei Drohnen mit Wärmebildkameras und das entsprechende Equipment, legten die zugehörigen Fluglizenzen (Drohnenführerschein) ab und übten das Fliegen.
Nach den anfänglichen Schwierigkeiten und Unsicherheiten gewannen wir schnell an Routine und starteten pünktlich zum Beginn der diesjährigen Mahd mit unseren Flugeinsätzen. Mittlerweile hat sich folgendes Vorgehen bewährt: Prophylaktisch werden am Vorabend Scheuchen oder Kitzretter aufgestellt, was zur Reduzierung der abgelegten Kitze in den beabsichtigten Mähflächen beiträgt. Nachdem beim Heraustragen für jedes Kitz immer ein gewisses Restrisiko besteht, sind wir über jedes Stück froh, das ohne unsere Unterstützung die zu mähende Wiese verlässt. Am nächsten Morgen beginnen wir gegen 4 Uhr mit unseren Flugeinsätzen, nachdem sich schnell herauskristallisiert hat, dass die kurzen Zeitfenster in Verbindung mit sehr großen, zu kontrollierenden Flächen sowie die Ladekapazität als einschränkende Faktoren wirken. Aufgrund schnell steigender Temperaturen heben sich die Konturen der Kitze kaum mehr ab und die dadurch vermehrt erforderlichen Sinkflüge beanspruchen zusätzlich die eingesetzten Akkus. Um bei einem Fund zügig reagieren zu können, verteilen sich die Helfer gleichmäßig über das Feld. Der Drohnenpilot leitet den am nächsten stehenden Helfer per Walkie-Talkies zur Liegestelle. Hierbei konnten neben Kitzen auch schon Junghasen und Gelege von Bodenbrütern gerettet werden. Sollte ein Landwirt erst im späteren Tagesverlauf mähen können, fliegen wir dennoch bereits früh morgens die entsprechenden Felder ab und vermerken die Liegestellen tabellarisch. Kurz vor Mahdbeginn kontrollieren wir nochmals die Bereiche und sichern die aufgefundenen Jungtiere in Körben. Normalerweise verändert sich die Anzahl der abgelegten Kitze nicht mehr. Trotzdem besteht immer ein gewisses Restrisiko, denn wir mussten schon beobachten, dass genau in den verstrichenen Stunden noch ein Kitz gesetzt worden ist. Für uns lohnt sich also der erhöhte Aufwand durch das doppelte Abfliegen, da durch die Wärmeentwicklung zu fortgeschrittener Stunde eine weitaus höhere Fehlerquote auftritt und einen unkalkulierbaren Unsicherheitsfaktor darstellt.
Alles in allem sind wir aber sehr stolz, durch dieses Verfahren die Rettung von bisher mehr als 30 Kitzen vor dem Mähtod ermöglicht zu haben.
Zu guter Letzt noch eine Anekdote unserer Einsätze in Form einer besonderen „Kitzrettung“: Am 21.05.2023 trafen wir uns um 4 Uhr mit einem Landwirt und flogen 20 ha seiner Wiesen ab. Wir konnten hierbei drei Kitze vor dem Mähtod bewahren (siehe Bilder).




Als Dankeschön wurden wir auf den Hof eingeladen, wo uns bereits duftender Kaffee, ein frisch gebackener Kuchen und eine völlig aufgelöste Ehefrau erwarteten. In der Nacht hatte eine Kuh gekalbt – ein kleiner strammer Buller namens Max. Allerdings war dieser seit dem Wiesenauftrieb wie vom Erdboden verschluckt – und die Zeit drängte, schließlich war auch er dringend auf die Milchversorgung durch das Muttertier angewiesen. Sofort brachen wir erneut auf und flogen die angrenzenden Wiesenstücke ab. Leider wärmte sich der Boden unaufhaltsam auf und die Suche mit der Drohne gestaltete sich als schier unmöglich. Parallel dazu unterstützten einige Helfer zu Fuß und unsere ausgebildeten Jagdhunde das Vorhaben. Nach zwei Stunden konzentrierter Arbeit lautes Bellen: Max war in einen engen Schacht zwischen zwei Scheunen gefallen und war so traumatisiert, dass er selbst den Ruf nach seiner Mutter vergaß. Mit vereinten Kräften konnten wir ihn bergen. Mit ein paar Schrammen, aber sonst unverletzt, nahm ihn seine Mama freudig wieder auf und ermöglichte ihm das lang ersehnte Säugen (siehe Bild).

