Das fliegende Auge von Föhrden-Barl

Es ist Mai. Kurz nach Sonnenaufgang irgendwo auf den Feldern in Föhrden-Barl stehen fünf Jäger im hohen Gras. Zwei von ihnen bauen den Flugplatz auf, einen alten klappbaren Holztisch, von dem gleich die knallorangefarbene Yuneec-Drohne vom Typ H520 mit Wärmebildkamera E10T abheben wird. Ein dritter Jäger bereitet die Video-Brille vor, die er gleich aufsetzen wird, um den Piloten bei der Suche nach Kitzen oder anderen Wildtieren zu unterstützen. Zwei weitere Jäger streifen bereits durch das meterhohe tropffeuchte Gras. Wenn in Kürze die Drohne ein Kitz überfliegt, werden sie per Funk millimetergenau zum Kitz dirigiert. Kitzrettung erfordert eine gute Abstimmung und klare Kommunikation, weil die Kitze so gut getarnt sind, dass man direkt vor ihnen stehen könnte, ohne sie zu sehen.
Jeder Jäger, der als sogenannter Läufer eingesetzt ist, trägt zwei Taschen, in die er die Rehkitze legen wird, die von der Ricke, dem Muttertier, in die Wiese abgelegt wurden. Leider fehlt den Ricken der Instinkt, um die Gefahr zu erkennen, die ihrem Nachwuchs hier droht - der qualvolle Mähtod. Wenn der Landwirt mit dem Traktor beim Mähen in Windeseile über die Wiese fährt, sind die Kitze meistens noch zu klein, um rechtzeitig auf die Läufe zu kommen und sich vor dem Mähwerk zu retten.
Die Drohne startet. Surrend wird sie von sechs Rotoren wie am Gummiband in 40 Meter Höhe gezogen. Ein paar Atemzüge später zieht sie wie von Geisterhand dirigiert exakt ihre Bahnen über der knapp fünf Hektar großen Föhrdener Wiese. „Stopp“, ruft Helmut Lähn, der Mann hinter der VR-Brille. Er hat einen kleinen Leuchtpunkt auf dem Display der Brille entdeckt, der ein Kitz sein könnte. Jens, der Pilot heute, reagiert sofort. Er ist ebenfalls Jäger und seit kurzem Co-Pilot neben Thomas Mielke, der schon seit 2019 Flugerfahrung hat. Heute hat Jens die Steuerung der Drohne übernommen. Es ist wichtig, in Übung zu bleiben, denn beim Drohnen-Fliegen wird der Pilot häufig mit Situationen konfrontiert, die einen kühlen Kopf, technisches Verständnis und sichere Abläufe erfordern.

Mit dem linken Daumen dirigiert der Pilot die Drohne genau über den Punkt, an dem vermutlich ein Kitz verborgen liegt. Das fliegende Auge schwebt in 15 Metern Höhe wie festgenagelt am Morgenhimmel. Ein per Funk herbeigerufener Kitzretter, der sich schon vorher in der Nähe postiert hatte, überprüft die Stelle und findet tatsächlich ein Kitz. Das etwa vier Jägerhände große Jungtier lag perfekt getarnt im hohen Gras und wird nun behutsam in eine Stofftasche gelegt, die vorher mit Gras gepolstert wurde. Dabei werden immer Handschuhe getragen, damit der menschliche Geruch nicht am Kitz haften bleibt. Die Tasche wird nun vom Läufer, der das Kitz gefunden und gesichert hat, an der Seite der Wiese abgestellt. Wenn später die Mähmaschinen mit ihrer Arbeit fertig sind, wird das Rehbaby wieder freigelassen und das Muttertier findet wieder zu ihm.
An diesem Tag werden bei diesem Einsatz in Förden-Barl noch zwei weitere Kitze gerettet. Die Föhrdener Kitzretter sind sehr zufrieden mit dem Einsatz ihres fliegenden Auges. Bei einem Kaffee wird der Einsatz wie immer nachbesprochen. Inzwischen sind die Kitzretter schon routiniert bei ihren Einsätzen, denn Kitzrettung gibt es in Föhrden-Barl schon seit vier Jahren.

Zehn Jäger aus Föhrden Barl gründeten damals den Verein Wildtierrettung Föhrden-Barl e.V. und wählten die Jäger Thomas Mielke zum ersten und Helmut Lähn zum zweiten Vorsitzenden. Mit Spenden und Mitgliedsbeiträgen finanziert kauften sie 2019 zunächst eine Yuneec-Drohne mit Wärmebildkamera. 2021 folgte dann eine zweite Drohne mit einer noch moderneren Wärmebildkamera, die mühelos aus über 60 Metern Rehkitze oder andere Tiere erspäht, vorausgesetzt der Temperaturunterschied zwischen Boden und Wildkörper ist ausreichend groß.
In Deutschland sind die Landwirte grundsätzlich verpflichtet, die Rehkitze vor den Mähern zu retten. Das fliegende Auge der Föhrdener Jäger nimmt den einheimischen Landwirten seit 2019 diese Arbeit gern ab. Auf diese Weise wurden im Jahr 2022 11 Rehkitze und im Jahr 2023 18 Kitze und ein Junghase gerettet. Ein neues Projekt ist bereits in Planung: Eine neue Drohne soll das derzeitig eingesetzte fliegende Auge von Föhrden-Barl ablösen. Sie ist schneller, komfortabler zu steuern und in Verbindung mit einer noch höher auflösenden Kamera wird sie das neue Adlerauge von Föhrden-Barl.

