Die Suche nach dem roten Punkt
Die Suche nach dem roten Punkt
Es ist Juni. Wir Jäger kennen das: Der Wecker klingelt um 04:00 Uhr und die Freude ist groß, endlich ins Revier aufbrechen zu können. Dieses Mal quälen wir uns aber nicht aus dem warmen Bett, um Strecke zu machen – nein, dieses Mal stehen wir früh auf, weil Wild geschützt werden muss und das als der wichtigste Baustein des Hegeauftrags zu verstehen ist. Ganz nach Oskar von Riesenthal: Das ist des Jägers Ehrenschild, dass er beschützt und hegt sein Wild…
Wir unterlassen deshalb den allmorgendlichen Griff zur Snooze-Taste des Weckers, um rote Punkte zu suchen. Rote Punkte? Jäger suchen generell viel: Im Dickicht, unter aufgeschobenen Holzhaufen und noch häufiger den Jagdschein vor Aufbruch zur Jagd selbst. Rote Punkte suchen ist hingegen neu, aber dennoch wichtig für unseren Wildbestand, denn hierbei geht es synonym um die Suche nach (Reh-)Wild vor der Grasernte mit einer Wärmebild-Drohne. Das funktioniert nur morgens mit Erfolg, weil zu dieser Uhrzeit der Temperaturunterschied zwischen warmen Wildkörper und umliegender, kalter Fläche am höchsten ist und sich der Wildkörper durch einen roten Punkt auf dem Display klar und deutlich abzeichnet.
Eine kurze Nachricht des Landwirts am Vortag der Mahd reicht, um zwei weitere Helfer telefonisch davon überzeugen zu können, sich den Wecker ebenfalls früher zu stellen als gewohnt. Wir lassen die Büchse an diesem Morgen also zu Hause im Schrank stehen, greifen stattdessen zur Tasche mit dem Multicopter und fahren in die Ems-Auen, nordöstlich von Münster gelegen und einem der Reviere des Hegerings Münster-Ost zugeordnet. In diesem speziellen Teil des Naturschutzgebietes ist der Freizeitdruck für das Wild geringer als in anderen Bereichen des siedlungsnahen Reviers, weil er für Spaziergänger und ihre vierbeinigen Begleiter nur schwer zugänglich ist – demnach ein vielversprechender Ort für die Kitzablage.
Vor Ort angekommen treffen wir auf eine Wiese, feucht vom Morgentau. Die Drohne wird auf der Motorhaube des Autos abseits eines Waldes zusammengesetzt und gestartet, weil Feuchtigkeit, neben hohen Bäumen am Wiesenrand, für die Technik die größte Gefahr darstellt. Während sich der Multicopter mit dem Display an der Fernbedienung synchronisiert und zur Orientierung nach passenden Satellitensignalen sucht, besprechen wir uns. Vor uns liegen ca. sechs Hektar grüne Fläche mit hohem Bewuchs. Der Pilot steht am Rand der Fläche und überwacht die Drohne, die in ca. 40 Metern Höhe in gleichmäßigen, einprogrammierten Streifen über die Fläche gleitet, während die Helfer auf der Fläche direkt agieren und zusätzlich für eine etwas andere Art der Aufbruchstimmung sorgen.
Nachdem das helfende Auge in den sich langsam morgendlich blau färbenden Himmel aufsteigt, vergeht keine Minute, da ist unweit unseres abgestellten PKWs ein roter Punkt auf dem Display zu erkennen, welcher signalisiert, dass sich in diesem Bereich auf der Fläche etwas Warmes befinden muss. Der tatkräftig helfende Jungjäger, kürzlich erst den Jagdschein gemacht und in voller Vorfreude zum ersten Mal ein (lebendiges) Kitz außerhalb des Schulungsraumes zu sehen, stiefelt los und stellt zügig fest, dass es sich lediglich um einen frisch gegrabenen Maulwurfshügel handelt. Wir sind gleichwohl beeindruckt, dass bereits ein so geringer Wärmeunterschied von der Kamera wahrgenommen werden kann.
Wenige Minuten später der nächste Punkt. Der Pilot steuert den agilen Jungjäger durch das hohe Gras, indem er den Multicopter über dem Punkt auf 20 Meter absenkt und ihn dort verharren lässt. Am Fundort angekommen, gibt der Helfer Laut: Ein Zwillingspaar – welch ein Anblick! Die Arbeit hat sich bereits jetzt ausgezahlt! Selbst für den ältesten Jäger in unseren Reihen ist das ein Bild, welches sich ihm nicht allzu häufig bietet. Wir nehmen die Kitze vorsichtig auf, vermeiden Witterungskontakt und setzen sie hinter einer Hecke ab, die die zu mähende Fläche umschließt. Durch den Austausch mit dem Landwirt am Vortag wissen wir, dass die Mäharbeiten direkt im Anschluss an unsere Suche beginnen sollen. Eine verfrühte Rückkehr des Rehwilds in den hohen Bewuchs und eine davon ausgehende Gefahr für das junge Leben ist somit auszuschließen.
Kurz nach Wiederaufnahme der Suche gibt der Pilot erneut Zeichen: In einer Innenecke der Wiese, gesäumt von hohen Eichen, ist ein weiterer Verdachtsort zu kontrollieren. Vorsichtig senkt sich die Drohne zur Markierung, als sich der rote Punkt plötzlich auf den suchenden Helfer zubewegt, kurze und schnelle Haken schlägt und in den nahegelegenen Wald flüchtet. Ein Hase. Im weiteren Verlauf der Suche kommt ein weiterer dazu. Sicherlich haben wir diese beiden nicht vor dem Mähwerk gerettet, wären sie ohnehin rechtzeitig davor entkommen. Dennoch sind auch sie wichtig zu registrieren, um einen gewissen Bestandsüberblick zu erhalten.
Unsere Suche an diesem Morgen und der Erfolg, der sich dabei einstellt, stimmt uns zuversichtlich in Bezug auf unser Niederwild: Insgesamt können wir fünf Kitze und drei Fasanengelege auf sechs Hektar Grünfläche aufspüren, für welche der Mäher, trotz langsamen Fahrens, eine ernsthafte Bedrohung dargestellt hätte. Abends, nachdem die Fläche gemäht wurde und der Jagdpächter vom Hochsitz meldet, dass die Kitze von den jeweiligen Ricken wieder angenommen wurden und nun wenige Meter abseits der Fläche stehen und äsen, lässt uns das frühe Aufstehen schnell vergessen und uns genug Antrieb sein für weitere, kommende Einsätze.
Frederik Herweg
