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Jagderlebnis: Ein Bockkitz mit Kämpferherz

Ein Bockkitz mit Kämpferherz

von Stefanie M. aus Thalmassing

 

 

Wir beschäftigen uns bereits seit Längerem mit der Kitzrettung in unserem Revier. Mittlerweile ist es zur Routine geworden, im Frühjahr wenn die Wiesen gemäht werden, gegen 04:00 Uhr aufzustehen und vor der Mahd mittels Wärmebilddrohne die betroffenen Wiesen abzufliegen. Es ist immer wieder ein schönes Erlebnis die Kitze zu sehen, welche ohne die notwendigen Maßnahmen leider großer Gefahr ausgesetzt sind. 


Am 17.05.2023 erhielten wir einen Anruf von einem befreundeten Jäger. Er war auf dem Heimweg durchs Revier und bemerkte ein Kitz, welches auf der Fahrbahn umherstakste und verzweifelt schrie. Im Nahbereich konnte er einen großen Schweißfleck auf der Straße feststellen. 
Es war  klar, dass das Muttertier wohl einem Verkehrsunfall zum Opfer gefallen war. Kurzerhand fing er das Kitz ein, legte das völlig entkräftete Tier in eine Kiste und wenig später stand er damit bei uns vor der Haustür. 


Als wir das kleine Geschöpf ins Haus geholt hatten zum Aufwärmen und versuchten ihm das erste Fläschchen mit Ziegenmilch anzubieten, war es um uns geschehen. Schnell hatte der kleine Mann einen Namen: Seppi. 
Damit begann eine sehr anstrengende Zeit. Seppi hatte sich innerhalb kürzester Zeit an die neue Situation gewöhnt und versuchte das Beste daraus zu machen. Wir schätzten sein Alter bei der Auffindung ca. auf 2 Tage. Schnell bestimmte er eine neue Lebensroutine. 
Zu Beginn verlangte er ca. alle 1,5 Stunden nach Milch. Auch wenn das vierte Mal Aufstehen in der Nacht oft schwer fiel, war die Erschöpfung schnell vergessen wenn sich Seppi nach der Fütterung mit vollem Bauch auf dem Schoß zusammenrollte und glücklich die Finger der neuen Mama abschleckte. 
Auch wenn er anfangs nur langsam zunahm, die ersten Gehversuche noch unsicher und mit einigen Stürzen verbunden waren und er  bei der Auffindung eine Augenverletzung hatte und auf dem rechten Auge blind war kämpfte er sich stetig weiter voran. 
Bald sauste er bereits auf seinen noch viel zu lang wirkenden Läufen durch den Garten und erkundete seine Umgebung ganz genau. Auch sein Auge, welches wir in der Tierklinik untersuchen ließen, heilte. 
Über die Wochen und Monate hatten wir unglaublich viele schöne Momente mit ihm. Von der Freude wenn wir nach Hause kamen, über die Spaziergänge welche wir mit ihm überall im Revier unternahmen bis zum ersten Tag, als er nach seiner Krankheit und tagelangem Bauchmassieren und Fencheltee Einflößen wieder fröhlich durch den Garten lief.

 Wir haben ihm den Spitznamen "Bauaufsicht" gegeben. Bei viele Arbeiten am Hof und dem Drumherum war er dabei und sehr interessiert an allem. Oft konnten wir die Arbeiten erst ausführen, wenn Seppi die Lage genau begutachtet und alles beschnüffelt und freigegeben hatte. 
Wir haben Seppi nie eingesperrt. Sobald er groß genug war um über die Gartenmauer zu springen, war er überall unterwegs. Trotzdem kam er mindestens dreimal am Tag vorbei, um sich sein Fläschchen oder wenn er Glück hatte, seine Leibspeise Wassermelone abzuholen. Auch die Nachbarn warteten auf unseren täglichen Spaziergehrunden bereits des Öfteren am Zaun und erwarteten freudig den kleinen Rehbock, welcher uns nachlief. 

 

Wir hatten nie geplant ein verwaistes Kitz aufzunehmen. Zum Zeitpunkt als er zu uns kam, war uns auch noch nicht vollumfänglich klar, was damit alles einhergeht. Wir mussten später einen bereits gebuchten Urlaub, sowie viele Einladungen von Freunden absagen und auf Zeit für uns selbst verzichten. Des Weiteren stellte sich heraus, dass wir uns einen Gourmet ins Haus geholt hatten, welcher sich weigerte etwas anderes als täglich 1,5 Liter der teuersten Bio-Ziegenmilch zu sich zu nehmen. Die Kosten beliefen sich auf die Gesamtzeit die er bei uns war auf ca. 800 Euro. Im Nachhinein betrachtet war der kleine Ganove jeden Cent wert.

Leider war in Seppis Fall eine Auswilderung nicht möglich. Er war zu menschenbezogen, er ging davon aus, dass alle zweibeinigen Wesen die aussehen wie seine neue Mama, Freunde sind. Es war uns schon bei seiner Aufnahme bewusst, dass die spätere Auswilderung schwierig werden könnte, jedoch waren die regionalen Wildtieraufzuchtstationen zum Zeitpunkt seiner Auffindung bereits überfüllt. 
Aus diesem Grund haben wir ihn nach ca. 5 Monaten in ein Wildgehege gebracht. Dort ist er jedoch in Gesellschaft eines weiteren Bockkitzes und mittlerweile sind die beiden gute Freunde geworden. Später kann er ein glückliches Leben auf ca. 3 Hektar Wald- und Wiesenfläche führen. So schwer der Abschied war, sind wir uns sicher die richtige Entscheidung getroffen zu haben. 
Wir haben ihn mittlerweile auch schon in seinem neuen Zuhause besucht und konnten feststellen, dass er glücklich mit seinem neuen Leben ist. 
Insgesamt war es für uns eine der schönsten Erfahrungen die wir bisher machen durften und die uns gezeigt hat, wie wichtig die Wildhege ist. Selbstverständlich gehört das Erlegen von Wild zur Jagd dazu. Jedoch ist unserer Ansicht nach der größere Teil der Jagd, sich um das Wild und seinen Lebensraum zu kümmern und zu versuchen etwas zurückzugeben.